3 polnische Literatur.


polnische Literatur.

pọlnische Literatur.
 
Die frühesten, in lateinischer Sprache verfassten Zeugnisse stammen aus dem 12. Jahrhundert; polnische Sprachdenkmäler sind erst aus dem 14. Jahrhundert bekannt. Die polnische Literatur wird in zwei Hauptströmungen unterteilt: die altpoln. Epoche (12. bis Mitte 18. Jahrhundert), die Mittelalter, Renaissance und Barock umfasst, und die neuere polnische Literatur, die mit der Aufklärung beginnt.
 
 Mittelalter (12.-15. Jahrhundert)
 
Die Christianisierung (966/967), die Polen im Unterschied zu den östlichen slawischen Nachbarn dem westlichen Kulturbereich erschloss, führte bereits im 11. und 12. Jahrhundert zu religiösen und historiographischen Prosawerken. Wegen der kulturellen Vormachtstellung der Kirche wurden diese frühesten Zeugnisse der polnischen Literatur in lateinischer Sprache geschrieben. Die Geschichtsschreibung begann mit der Chronik des Gallus Anonymus (12. Jahrhundert), wurde im 13. und 14. Jahrhundert u. a. durch die didaktisch-moralische »Chronica Polonorum« von W. Kadłubek fortgeführt und fand ihren Höhepunkt in den »Historiae Polonicae libri XII« (entstanden 1455-80, herausgegeben 1711) des J. Długosz. Das religiöse Schrifttum in lateinischer Sprache ist durch Heiligenviten (Adalbert von Prag, Hedwig u. a.), Lieder und Gebete vertreten. Die ältesten Denkmäler in polnischer Sprache umfassen Bibelübersetzungen, u. a. den Psalter von Sankt Florian (»Psałterz floriański«, 15. Jahrhundert) und die Sophienbibel (»Biblia królowej Zofii«, 15. Jahrhundert), für die Sprachentwicklung bedeutende Predigten (»Kazania świętokrzyskie«; »Kazania gnieźnieńskie«, beide 14. Jahrhundert) sowie als ersten poetischen Text das Marienlied »Bogurodzica« (im 14. Jahrhundert entstanden, erste Aufzeichnung aus dem 15. Jahrhundert). Daneben sind Legenden und Apokryphen sowie die polnische Übersetzung des mittelalterlichen weltlichen Erzählguts (u. a. »Alexandreis«) zu erwähnen; dramatische Texte sind vereinzelt in liturgischen Feiern enthalten; Epen und Heldenlieder fehlen ganz.
 
 Renaissance (1500-1620)
 
In dem mächtig aufstrebenden polnischen Adelsstaat bildete die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts das »goldene Zeitalter«, das den Anschluss an die westeuropäische Literatur schuf und die Grundlagen für die Aneignung und Entwicklung neuer literarischer Erscheinungen legte. Es wurde vorbereitet durch italienische und deutsche Humanisten, u. a. K. Celtis, der 1489-91 an der Krakauer Universität lehrte, und eingeleitet in der Regierungszeit Sigismunds I. (1506-48), der mit der Italienerin Bona Sforza (* 1494, ✝ 1557) verheiratet war. Der in den ersten Jahrzehnten noch überwiegend lateinischen Dichtung (v. a. K. Janicki) folgten bald - verbreitet durch das aufblühende Druckwesen - polnischsprachige Werke, zunächst Übersetzungen, dann polnische Originalprosa: M. Réj (»Żywot człowieka poczciwego«, 1568) und Ł. Górnicki (»Dworzanin polski«, 1566) entwarfen ein Idealbild des humanistisch gebildeten polnischen Adligen. Die moralisch-didaktische und publizistische Prosa fand Ausdruck in den politischen Traktaten von A. Frycz Modrzewski und seines Gegners S. Orzechowski, in den historiographischen Werken von M. Bielski, Maciej z Miechowita (* 1457, ✝ 1523) und B. Paprocki sowie in den Sejmpredigten (1597) des Jesuiten P. Skarga. Höhepunkt dieser Epoche ist die Lyrik J. Kochanowskis, die bis zur Romantik verpflichtendes Vorbild blieb. Mit den epigrammatischen »Fraszki« (1584), den heiteren »Pieśni« (1584) und den melancholisch-philosophischen »Treny« (1586) führte er antike und humanistische Formen ein. In seinem Schatten standen die Idyllen von S. Szymonowic, die Versepik von S. F. Klonowic und die Sonette von M. Sęp Szarzyński; in ihnen kündigt sich bereits der Barock an, ebenso in Kochanowskis Tasso- und Ariosto-Übersetzungen. Erwähnung verdient auch Kochanowskis Renaissancedrama »Odprawa posłów greckich« (1578).
 
 Barock (1620-1764)
 
Die wechselvollen Ereignisse dieser Zeit (Kriege, Kosakenaufstände) spiegeln sich in der Literatur wider. Historische Epen (W. Potocki, »Transakcja wojny chocimskiej«, entstanden 1670, herausgegeben 1850), historische Gesänge (W. Kochowski, »Psalmodia polska«, 1695) und Reimchroniken (S. Twardowski, »Wojna domowa«, 1681) beschreiben Schlachten und Feldzüge, Memoiren (J. C. Pasek, »Pamiętniki«, entstanden 1690-95, herausgegeben 1836) schildern Kriegserlebnisse, und Epigramme, moralische Gedichte sowie Satiren (Potocki, »Moralia«, entstanden 1688 bis 1696, herausgegeben 1915-16; K. Opaliński, »Satyry«, 1650) zeichnen ein kritisches Bild dieser Zeit. Die Lyrik erlebte einen Aufschwung durch den »christlichen Horaz«, M. K. Sarbiewski (»Lyricorum libri tres«, 1625), und v. a. durch J. A. Morsztyn (»Kanikuła albo Psia gwiazda«, entstanden 1647, herausgegeben 1844; »Lutnia«, entstanden 1638-60, herausgegeben 1874), der den spanischen Konzeptionismus und den italienischen Marinismus übernahm. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts schrieben W. Rzewuski und Urszula Radziwiłłowa an französischen Vorbildern ausgerichtete Stücke.
 
 Aufklärung (1764-95)
 
Sie fällt mit der Regierungszeit des letzten polnischen Königs Stanisław II. August zusammen und steht trotz des Zusammenbruchs des polnischen Staates (Polnische Teilungen 1772, 1793, 1795) im Zeichen einer geistigen Erneuerung. Die Literatur griff die drängenden Fragen nach Staatsbürgertum und Nationbegriff auf, kritisierte Missstände und lieferte Vorschläge zu ihrer Beseitigung u. a. in Zeitschriften (»Monitor«, 1765-85, herausgegeben von I. Krasicki und F. Bohomolec), Satiren (A. Naruszewicz, Krasicki) sowie Pamphleten und Flugschriften. Auch Fabeln (Krasicki, F. D. Kniaźnin, S. Trembecki), komische Poeme und Komödien (F. Zabłocki, J. U. Niemcewicz) stellten dem altväterlichen Polen den reformfreudigen Patrioten gegenüber. Den modernen polnischen Roman begründete Krasicki mit »Mikołaja Doświadczyńskiego przypadki« (1776). Die Lyrik war durch die empfindsamen, das Landleben preisenden Gedichte F. Karpińskis sowie die Liebesverse und patriotischen Lieder Kniaźnins bestimmt. Komödien schrieben u. a. A. Zabłocki und Bohomolec; W. Bogusławski, der Autor des Librettos für die erste polnische komische Oper, »Cud mniemany, czyli Krakowiacy i górale« (1794), gilt als Schöpfer des polnischen Nationaltheaters.
 
 Klassizismus, Empfindsamkeit und Beginn der Romantik (1795-1831)
 
Nach der 3. Polnischen Teilung (1795) setzte der »Warschauer Klassizismus« durch die Erschließung und Pflege kultureller Traditionen (Geschichtsquellen, Volkskunst), durch Sprachpflege und die Übersetzung europäischer Klassiker die aufklärerischen Traditionen fort. Es entstanden historische Gesänge (»Śpiewy historyczne«, 1816) von J. Niemcewicz; Tragödie (A. Feliński, »Barbara Radziwiłłówna«, Uraufführung 1812, erschienen 1820), Ode (K. Koźmian) und Satire (S. K. Graf Potocki) wurden ausgebildet. Gleichzeitig erschienen empfindsame Werke wie die Balladen (»Dumy«) von Niemcewicz, die Idylle »Wiesław« (1820) von K. Brodziński und der Roman »Malwina« (1816) von Maria Wirtemberska. Brodziński machte die polnische Öffentlichkeit durch seine Abhandlung »O klasyczności i romantyczności« (1818) mit der Romantik bekannt. Das Interesse für Geschichte, Folklore und Gefühl begünstigte die Entstehung der Romantik, die durch »Ballady i romanse« (1822) sowie »Grażyna« (1823) und »Dziady« (Teil 2 und 4, 1823) von A. Mickiewicz zum Durchbruch kam. Weitere romantische Werke erschienen, wie die Verserzählung »Maria« (1825) von A. Malczewski und »Zamek kaniowski« (1828) von S. Goszczyński, doch wurde der Streit zwischen Klassizisten und Romantikern, bei dem neben ästhetische Einstellungen auch politische Haltungen (Loyalität oder Revolution) thematisiert wurden, erst durch den Novemberaufstand 1830-31 zugunsten der Romantiker entschieden.
 
 Romantik (1831-63)
 
Die Literatur der Romantik übernahm die Aufgabe, die nationale Einheit zu wahren und die staatliche Wiedergeburt vorzubereiten. In diesem Zeichen stand das Werk der drei großen Romantiker Mickiewicz, J. Słowacki und Z. Krasiński, die im poetischen Drama eine dafür geeignete künstlerische Form fanden. In »Dziady«, Teil 3 (1832) von Mickiewicz wird der Dichter zum Führer und Diener seines Volkes, in »Kordian« (1834) von Słowacki scheitert der revoltierende romantische Held, in »Nie-Boska komedia« (1835) und »Irydion« (1836) thematisiert Krasiński die geschichtsphilosophischen Implikationen von Revolutionen. Die von Mickiewicz formulierte messianistische Ideologie von Polen als dem Erretter der Völker (v. a. in »Księgi narodu polskiego i pielgrzymstwa polskiego«, 1832) wurde im dramatischen Schaffen Słowackis (»Ksiądz Marek«, 1843; »Sen srebrny Salomei«, 1844) philosophisch überhöht und machte dann der mystischen Vorstellung von einer »Revolution aus dem Geist« Platz (Poem »Genezis z ducha«, 1844; Epopöe »Król-Duch«, 1847). Die zeitgenössische Bühne wurde von historischen Dramen und Komödien (A. Graf Fredro, »Zemsta«, 1834, u. a. seiner Stücke) beherrscht. Die Lyrik besaß zwar bedeutende Dichter (neben Mickiewicz und Słowacki u. a. T. Lenartowicz, K. Ujejski), doch lag das Gewicht neben dem Drama auf der Versepik, die in dem polnischen Nationalepos »Pan Tadeusz« (1834) von Mickiewicz und in »Beniowski« (1841) von Słowacki ihre wichtigsten Werke besitzt. - Die große Prosaform wurde entscheidend durch die historischen Romane J. I. Kraszewskis und fiktive Memoiren (H. Rzewuski, »Pamiątki JPana Seweryna Soplicy«, 1839) gefördert.
 
 Positivismus (1864-90)
 
Nach dem Scheitern des Aufstands von 1863 wurde der politische Widerstand zugunsten einer wirtschaftlichen und kulturellen »Arbeit an der Basis« aufgegeben. Die Literatur unterstützte dies durch Tendenzprosa. Unter dem Einfluss englischer und russischer Vorbilder setzte sich dann in Roman und Erzählung ein Realismus durch, dessen Werke durch ihre gekonnte Gestaltung die sozialen Probleme schärfer fassten (H. Sienkiewicz, »Szkice węglem«, 1880; Eliza Orzeszkowa, »Nad Niemnem«, 1887; B. Prus, »Lalka«, 1890). Noch heftiger wurde die Kritik an der bürgerlichen Mentalität in Werken von Autoren, die dem französischen Naturalismus nahe standen, u. a. A. Dygasiński, Antoni Sygietyński (* 1850, ✝ 1923) und Gabriela Zapolska. Daneben entstanden historische Romane, die den Patriotismus förderten (Kraszewski, Sienkiewicz) oder aktuelle Probleme verschlüsselten (Sienkiewicz, »Quo vadis«, 1896, Nobelpreis 1905; B. Prus, »Faraon«, 1897). In der Lyrik wurde die romantische Tradition meist epigonenhaft fortgesetzt, von C. K. Norwid (»Poezje«, 1863) jedoch entscheidend weiterentwickelt. A. Asnyk schrieb philosophische, Maria Konopnicka gesellschaftskritische Gedichte. In der Dramatik ragten die Tragödien und Komödien Norwids hervor, auf der Bühne wurden jedoch die Gesellschaftskomödien Fredros und MichałBałuckis (* 1837, ✝ 1901) sowie Tendenzdramen A. Świętochowskis gespielt.
 
 Modernismus (1890-1918)
 
In dieser auch »Junges Polen« (»Młoda Polska«) genannten Epoche nahm die Lyrik, von westeuropäischen Symbolisten beeinflusst, neuen Aufschwung mit der emotionalen Natur- und Liebeslyrik von K. Tetmajer Przerwa (»Poezje«, 1891), der »L'art-pour-l'art«-Dichtung S. Przybyszewskis, den hymnischen Liedern von J. Kasprowicz (»Hymny«, 1899-1901) und der Reflexionslyrik L. Staffs (»Sny o potędze«, 1901).
 
Auch das Drama war reich an neuen Formen, alle überragend die Bühnenwerke von S. Wyspiański (»Wesele«, 1901; historische Dramen), der am deutlichsten auf romantischen Traditionen zurückgriff (daher auch die Bezeichnung »Neoromantik« für diese Epoche). Beachtlich sind auch die gesellschaftskritischen Komödien Gabriela Zapolskas (»Moralność pani Dulskiej«, 1907) und T. Rittners, die historischen Tragödien K. H. Rostworowskis und die expressionistischen Dramen T. Micińskis.
 
Im Roman wurden die positivistischen Tendenzen zunächst fortgesetzt, so bei W. S. Reymont, der in »Chłopi« (4 Bände, 1904-09, Nobelpreis 1924) den Naturalismus mit lyrischen und symbolistischen Verfahren durchsetzte. S. Żeromski behandelte gesellschaftliche und geschichtliche Themen (»Ludzie bezdomni«, 1900, und »Popioły«, 1904). W. Berent setzte sich in »Próchno« (1903) mit jungpoln. Konzeptionen auseinander, ebenso, nur rigoroser, K. Irzykowski in »Pałuba« (1903).
 
Sehr wichtig war die Literaturkritik, besonders in Zeitschriften, wie »Życie« (Warschau 1887-91, herausgegeben von Z. Miriam-Przesmycki u. a.), »Życie« (Krakau 1897 bis 1900, herausgegeben von S. Przybyszewski u. a.) und »Chimera« (Warschau 1901 ff.), in denen die neue literarische Bewegung durch Übersetzungen und theoretische Arbeiten gefördert wurde. Die Kritiker S. Brzozowski und Irzykowski trugen wesentlich zur Überwindung der jungpoln. Ästhetik bei.
 
 Zwischenkriegszeit (1918-39)
 
Nach Erlangung der Staatlichkeit traten weltanschauliche und künstlerische Gegensätze in literarischen Gruppierungen deutlicher hervor und wurden in der Literatur schärfer ausgetragen, wobei ästhetische Fragen vorherrschten.
 
Neben den älteren Lyrikern B. Leśmian, L. Staff bildeten sich um Zeitschriften neue Dichtergruppen: so um »Skamander« (1920 ff.), die für alltägliche Sprache und Inhalte in der Poesie eintrat, sonst aber das »Programm der Programmlosigkeit« verkündete und so verschiedenartige Lyriker vereinigte wie J. Tuwim, A. Słonimski, J. Lechoń, K. Wierzyński, J. Iwaszkiewicz, denen die beiden Dichterinnen Maria Pawlikowska-Jasnorzewska und Kazimiera Iłłakowiczówna nahe standen. Um »Zdrój« (1917-22) gruppierten sich die Expressionisten J. und Witold Hulewicz (* 1895, ✝ 1941), E. Zegadłowicz und J. Wittlin; entscheidende Impulse kamen von den Futuristen T. Czyżewski, B. Jasieński, A. Stern und A. Wat; die »Krakauer Avantgarde« scharte sich um T. Peiper und die Zeitschrift »Zwrotnica« (1922-27), deren Konzeptionen in »Linia« (1931-33) von J. Przyboś, Jan Brzękowski (* 1903, ✝ 1983), Jalu Kurek (* 1904) und A. Ważyk praktisch und theoretisch weiterentwickelt wurden. Revolutionäre Lyrik schrieben Jasieński, Stanisław Ryszard Stande (* 1897, ✝ um 1939), W. Wandurski und W. Broniewski, den Katastrophismus repräsentierten M. Jastrun, Józef Czechowicz (* 1903, ✝ 1939), C. Miłosz und K. I. Gałczyński, der sich in die Groteske und Fantastik flüchtete.
 
Die Prosa beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Weltkrieg und dem politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Staates. Dazu gehören S. Żeromskis »Przedwiośnie« (1925), A. Strugs »Pokolenie Marka Świdry« (1925), J. Kaden-Bandrowskis pamphletartige Romane sowie die Werke der eher konservativ-nachsichtigen Schriftsteller J. Weyssenhof und Maria Rodziewiczówna (* 1863, ✝ 1944). Nach 1930 erlebte die Romanliteratur neue Höhepunkte: Maria Dąbrowskas Familiensaga »Noce i dnie« (1932-34), Zofia Nałkowskas psychologische Gesellschaftsanalyse »Granica« (1935), die psychologischen Romane M. Choromańskis und Maria Kuncewiczowas, der proletarische Roman Wanda Wasilewskas, die historischen Romane von Zofia Kossak-Szczucka, Iwaszkiewicz und L. Kruczkowski sowie die antirealistischen, grotesken Romane von S. I. Witkiewicz (»Nienasycenie«, 1930), B. Schulz (»Sklepy cynamonowe«, 1934) und W. Gombrowicz (»Ferdydurke«, 1938). - In der Dramatik wurde zunächst die jungpoln. und expressionistische Tradition fortgesetzt (Włodzimierz Perzyński, * 1877, ✝ 1930, K. H. Rostworowski). Komödien schrieb J. Szaniawski, psychologische Dramen Zofia Nałkowska; sozialkritisch ist »Uciekła mi przepióreczka« (1924) von Żeromski. Alle überragte S. I. Witkiewicz, der mit grotesk-absurden Dramen das »Theater der reinen Form« schaffen wollte.
 
 
Der Zweite Weltkrieg und die Zeit der deutschen Okkupation forderten auch unter den Schriftstellern zahlreiche Opfer; viele Repräsentanten des geistigen Lebens emigrierten. - Nach 1945 setzte in den literarischen Zeitschriften - der marxistischen »Kuźnica«, dem katholischen »Tygodnik Powszechny« und dem liberalen »Odrodzenie« - die Diskussion um Sinn und Aufgabe der Literatur und um die Art des Realismus ein. Die Prosa beschäftigte sich mit dem Krieg (Zofia Nałkowska, »Medaliony«, 1946), KZ-Erlebnissen (T. Borowski, »Pożegnanie z Marią«, 1948) und den Wirren der Nachkriegszeit (J. Andrzejewski, »Popiółi diament«, 1948), aber auch mit aktualisierten historischen Stoffen. In der Lyrik spiegelte sich der Krieg in den Gedichten von T. Różewicz wider; daneben waren auch die älteren Lyriker wie Staff, Tuwim, Broniewski, Przyboś, Miłosz und Gałczyński weiter tätig. Bedeutende Dramen schrieben Kruczkowski (»Niemcy«, 1949) und J. Szaniawski (»Dwa teatry«, 1946). Der im Januar 1949 auf dem Stettiner Schriftstellerkongress beschlossene sozialistische Realismus führte zum Verlust der künstlerischen Vielfalt, die erst 1954 durch Staffs Gedichtband »Wiklina« wieder in Erinnerung gerufen wurde.
 
1955 begann die Kritik an der staatlichen Kulturpolitik, und das einsetzende »Tauwetter« erhielt in Ważyks »Poemat dla dorosłych« (1955) seinen programmatischen Text. Es folgte eine Welle der »Abrechnungsliteratur«, in der der stalinistische Machtmissbrauch bloßgestellt wurde (Andrzejewski, K. Brandys). Es entstanden große Romane (Iwaszkiewicz, »Sława i chwała«, 1956-62), historische Erzählwerke (T. Parnicki) und Sciencefictionliteratur (S. Lem). Die kleine Erzählprosa bevorzugte die Darstellung des sozialistischen Alltags in der Stadt (M. Hłasko) und auf dem Land (E. Bryll); groteske Gestaltung fand Eingang bei S. Mrożek und S. Zieliński, Parabeln schrieb L. Kołakowski, Essays Z. Herbert. Die Lyrik zeichnete sich besonders durch formale Experimente aus. Zu den bereits bekannten Dichtern (Różewicz, W. Wirpsza, Herbert) trat die neue »Generation von 1956« (S. Grochowiak, J. Harasymowicz, Wisława Szymborska, Nobelpreis 1996), die durch künstlerisches Raffinement und ironische Haltung gekennzeichnet ist. In den 60er-Jahren entstand um die Zeitschrift »Orientacja« eine dagegen opponierende Gruppe von Lyrikern, die neoklassizistische, neosymbolistische und neoexpressionistische Gedichte schrieben. In der Dramatik traten die absurden Stücke von Mrożek in den Vordergrund.
 
Ein neuer Abschnitt des literarischen Lebens begann Anfang 1968 mit einer aus politischen Gründen abgesetzten Aufführung von Mieckiewiczs »Dziady«. Die folgenden Märzunruhen der Studenten veranlassten eine Reihe von Schriftstellern (u. a. Kołakowski) zur Solidarisierung; den Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei verurteilten Andrzejewski (zwei Jahre Publikationsverbot) und Mrożek (danach im Ausland). Die antisemitische Kampagne (seit 1967) zwang einige Autoren zum Verlassen Polens. Die Lyrik reagierte darauf mit der sprach- und gesellschaftskritisch eingestellten Generation der »Neuen Welle« (S. Barańczak, R. Krynicki, J. Kornhauser, A. Zagajewski); Kornhauser und Zagajewski veröffentlichten 1974 die programmatische Essaysammlung »Świat nie przedstawiony«, worin sie u. a. zur Demokratisierung des Sozialismus mahnten. Die folgenden Jahre brachten eine zunehmende Konfrontation zwischen Staat und Literatur (Publikationsverbot für Barańczak, T. Konwicki, W. Woroszylski). Einige Autoren wichen der Zensur durch Publikationen im Ausland oder im sich ausbildenden illegalen Verlagswesen (»zweiter Umlauf«) aus.
 
In der Prosa profilierte sich die Dorfthematik (neben J. Kawalec, T. Nowak und Edward Redliński, * 1940, v. a. W. Myśliwski mit »Kamień na kamieniu«, 1984). P. Wojciechowskis Romane gestalten die Bedrohung des Individuums durch eine feindliche Umwelt. Ferner machte sich in der Prosa eine Hinwendung zum sprachlichen Experiment bemerkbar. Die Verleihung des Nobelpreises an Miłosz (1980) hat das öffentliche, verlegerische und wissenschaftliche Interesse an der bis dahin staatlich nicht akzeptierten Emigrantenliteratur vergrößert. Zu einer bis Ende der 80er-Jahre andauernden Polarisierung führte das im Dezember 1981 verhängte Kriegsrecht, das die Auflösung, Suspendierung oder linientreue Neugründung von Kulturverbänden zur Folge hatte. Die politischen Ereignisse dieser Zeit fanden ein vielfältiges Echo in der Literatur, die im Untergrund oder im Ausland gedruckt wurde: u. a. in den Erzählungen von M. Nowakowski, »Raport o stanie wojennym« (1982), in dem Roman »Moc truchleje« (1982) von J. Głowacki, in den Tagebuchaufzeichnungen »Miesiące« (1981-82) von Brandys oder im Lyrikband »Raport z oblężonego miasta« (1983) von Herbert. Daneben ist jedoch nach 1985 eine Tendenz zur apolitischen, individualistischen, sprachlich-ästhetisch ausgerichteten Lyrik und Prosa festzustellen.
 
Die Ablösung des kommunistischen Regimes (1989) und die Einführung von politischem Pluralismus und Marktwirtschaft führten zu einer Krise des literarischen Lebens und zur Verminderung der literarischen Produktion. Einen thematischen Schwerpunkt bildeten in den letzten Jahren Prosawerke, die das komplizierte polnisch-jüdische Verhältnis und die geschichtlich belasteten deutsch-polnischen Beziehungen gestalten. Neben den bereits zuvor erfolgreichen Autoren Maria Nurowska und A. Szczypiorski sind P. Huelle, J. Rymkiewicz und Piotr Szewc (* 1961) zu nennen.
 
 
Gesamtdarstellungen und Nachschlagewerke:
 
A. Brückner: Gesch. der p. L. (1901);
 J. Kleiner: Die p. L. (1930);
 
Słownik współczesnych pisarzy polskich, Seria I, hg. v. E. Korzeniewskiej, 4 Bde. (Warschau 1963-66),
 
dass., Seria II, hg. v. J. Czachowskiej, 3 Bde. (ebd. 1977-80);
 M. Kridl: A survey of Polish literature and culture (a. d. Poln., Den Haag 21967);
 C. Miłosz: Gesch. der p. L. (a. d. Engl. u. Poln., 1981);
 J. Krzyżanowski: Dzieje literatury polskiej (Warschau 41982);
 
Literatura polska. Przewodnik encyklopedyczny, hg. v. J. Krzyżanowski: u. a., 2 Bde. (ebd. 1984-85, Nachdr. ebd. 1990);
 K. Dedecius: Von Polens Poeten (1988);
 
BI-Lex. Literaturen Ost- u. Südosteuropas. Ein Sach-Wb., hg. v. L. Richter u. a. (Leipzig 1990);
 
Słownik literatury staropolskiej, bearb. v. T. Michałowska (Breslau 1990);
 K. Dedecius: Poetik der Polen (1992);
 
Słownik literatury polskiej XIX wieku, bearb. v. J. Bachórza u. a. (Breslau 21994);
 
Słownik literatury polskiej XX wieku, bearb. v. A. Brodzka u. a. (Breslau 21995);
 
Dictionary of Polish literature, hg. v. E. J. Czerwinski (Westport, Conn., 1997).
 
Bibliographien:
 
Bibliografia literatury polskiej. »Nowy Korbut«, hg. v. K. Budzyk u. a., auf zahlr. Bde. ber. (Warschau 1963 ff.);
 
K. A. Kuczyński: P. L. in dt. Übers. Von den Anfängen bis 1985. Eine Bibliogr. (1987);
 
I. Kuhnke: Poln. schöne Lit. in dt. Übers. 1900-1992/93. Bibliogr. (21995).
 
 
J. Ziomek: Renesans (Warschau 41980);
 
J. Ziomek: Literatura odrodzenia (ebd. 21989);
 
M. Klimowicz: Literatura oświecenie (ebd. 21990);
 
B. Miązek: P. L. des MA. u. der Renaissance (1993);
 
C. Hernas: Literatura baroku (Warschau 31995);
 
T. Michałowska: Średniowiecze (ebd. 1995).
 
19. und 20. Jh.:
 
Obraz literatury polskiej XIX i XX wieku, hg. v. K. Wyka u. a., auf zahlr. Bde. ber. (Warschau 1965 ff.);
 
W. Maciąg: Die poln. Gegenwarts-Lit., 1939-1976 (1979);
 
H. Olschowsky: Lyrik in Polen. Strukturen u. Traditionen im 20. Jh. (Berlin-Ost 1979);
 
B. Carpenter: The poetic avant-garde in Poland, 1918-1939 (Seattle, Wash., 1983);
 
B. Miązek: P. L. 1863-1914 (Wien 1984);
 
M. Fleischer: Die poln. Lyrik von 1945 bis 1985 (1986);
 
M. Fleischer: Strömungen der poln. Gegenwarts-Lit. (1989);
 
D. Scholze: Zw. Vergnügen u. Schock. Poln. Dramatik im 20. Jh. (Berlin-Ost 1989);
 
G. Ritz: Die poln. Prosa 1956-1976 (Bern 1990);
 
Lit. Polens. 1944 bis 1985, hg. v. A. Lam (Berlin-Ost 1990);
 
Literatura polska 1918-1975, hg. v. A. Brodzka u. a., 4 Bde. (Warschau 1-21991-96);
 
M. Fleischer: Overground. Die Lit. der poln. alternativen Subkulturen der 80er u. 90er Jahre (1994);
 
L. M. Bartelski: Polscy pisarze współcześni (Warschau 1995);
 
H. Kneip: Regulative Prinzipien u. formulierte Poetik des sozialist. Realismus (1995);
 
B. Miązek: Studien zur p. L. (1995);
 
Panorama der p. L. des 20. Jh., hg. v. K. Dedecius, 2 Bde. (1996-97).

Universal-Lexikon. 2012.

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